Vierecksgeschichte

„In der Praxis“ des Islam kommt es oft vor, dass man mit Menschen aus anderen Kulturen in einer Partnerschaft lebt oder auch „nur“ einander liebt. Wenn es dann auch noch darum geht, europäische Liebesbeziehungen mit dem Islam zu verbinden, kann es schwierig werden. Trotzdem ist das unser Alltag.

Bei mir sieht es zum Beispiel so aus, dass ich auf meinen muslimischen Verlobten warte, während der alle Hände voll zu tun hat, seine „christlichen“ Verhältnisse in Ordnung zu bringen. Seine letzte Ehefrau ist verstorben, es gibt aber noch keinen Totenschein, sein Scheidungsverfahren ist unterbrochen und er lebt mit zwei deutschen Frauen zusammen.

Klingt chaotisch, geht aber.

Links ist Renate. Sie hat Kinder aus einer anderen Ehe, und Sigi hatte schon vor Jahrzehnten eine versteckte, leidenschaftliche Beziehung zu ihr. Beide kommen aus der gleichen Stadt und sie verstehen sich blind. Man wird schnell eifersüchtig auf sie, weil sie 43 und sehr schön ist und er alles für sie tut, großen Respekt vor ihr hat.

Außerdem streiten sie nie und sprechen eine gemeinsame, unverständliche Sprache. Julia ist manchmal sehr zornig darüber und versucht, die beiden zu trennen. Wenn er dann sauer ist und „mit mir spricht“, kracht es gehörig. Trotzdem „verschwinden“ Sigi und Julia darauf oft auf immer und ewig in einem stillen Winkel. Renate trägt es mit Fassung.

Ich selbst habe es manchmal nicht leicht, weil ich jünger bin als die beiden. Da fallen schon mal doofe Bemerkungen über meine Lebenserfahrung und darüber, dass ich auf meinen Verlobten warte. Julia und ich, wir sind ungleiche Schwestern. Als ich Sigi kennen gelernt habe, war er schon Muslim, und Julia hätte mich am liebsten in Essig eingelegt. Ich schmunzle manchmal über deutsche Frauen, das ist auch nicht nett von mir.

Wie in jeder Partnerschaft ist der Sex ein wichtiges Thema. Da gibt es manchmal Meinungsverschiedenheiten. Julia ist eine sehr erfahrene Frau, und sie hat ihre Vorlieben, die sie durchsetzt. Renate muss da gar nichts durchsetzen, und das gibt böses Blut. So meditieren wir stundenlang gemeinsam und kommen zu einer Lösung. „Andere Weiber“ treibt Julia dem Sigi zur Not mit den Fäusten aus.

Derzeit hat Julia mit Sigi wieder einmal ihre „intensive Phase“. Es gibt ja auch noch andere Dinge auf der Welt …

Wir wollen in Zukunft eigentlich alle Kopftuch tragen, nur verschieben Renate und Julia es immer wieder. Eine wichtige Frage sind Sigis und Renates Kinder. Ich habe Sigis Sohn Oliver 2016 kennen gelernt. Er ist aber wohl tot, wir wissen es nicht genau. Niemand kann uns sagen, wo er ist. Renates Kinder haben es besser, sie leben in Österreich und es gibt Kontakt.

Renate vermisst ihre Kinder sehr. Der Vater ist aber liebevoll für sie da und hat schon eine neue Frau. Julia und ich, wir würden uns gern um alle Kinder kümmern, stoßen aber an Grenzen. Ich, weil ich Muslima bin, Julia, weil sie schon lange mit Sigi zusammen ist und als seine Geliebte seit Jahren brutal verfolgt wird. Die beiden sind für die Behörden „Extremisten“.

Ich bin mir sicher, dass wir aus unserer „Vierecksgeschichte“ bald mitten in Deutschland eine echte muslimische Ehe machen können, wenn es auch nicht einfach ist und wir Allah – gepriesen sei er – bitten werden müssen uns zu helfen.

Nura Ramadan

(Fotos privat)

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